Das Parlament 98

Kriterien
für Persönlichkeitstrainings
Quälerei
statt Qualität?
Dr.
Steven Goldner
Wenn
Ihr Feld in der Wirtschaft liegt, riskieren Sie heute die
Gedankenkontrolle von vielen Seiten. Gehirnwäscher spriessen aus
dem Boden. Mit Ausnahme von Scientology werden Sie dabei kaum von
Sekten belästigt. Der häufigste Fall begegnet Ihnen über
bestimmte Persönlichkeitsseminare. Im Unterschied zu Sekten
fehlen dort einfache Erkennungsmerkmale wie z.B. weltbeglückende
Ideologie und ein schlauer Guru, der immer die richtige Antwort
weiss. Wenn es sich also um keine Sekte handelt: Warum betreiben
gewisse Anbieter trotzdem die Manipulation? Warum wird versucht,
sogar Vorstände (und die am liebsten) zu gehorsamen Marionetten
machen?
Ein
Märchen kommt in die Unternehmen
Um
die Persönlichkeit zu brechen, braucht man eben keine Heilslehre
oder Machtphantasien als Motiv. Geschickt angewendet, bringt Schwarze
Pädagogik einfach viel Umsatz. Wer als externer Anbieter für
das ERKENNBARE Anheben der Qualität des Unternehmens keinen Weg
findet, der bringt seine Seminarteilnehmer halt dazu, sich die
Verbesserung der Persönlichkeitsqualität VORZUGAUKELN.
Simpler ausgedrückt: In vielen Unternehmen wird das Märchen
'Des Kaisers neue Kleider' ständig neu aufgeführt.
Allerdings mit abnehmendem Applaus.
Was
bedeutet "Schwarze Pädagogik"?
Der
Begriff stammt aus einer gleichnamigen Dokumentation historischer
Texte von Katharina Rutschky über die Erziehung und
Unterrichtung von Kindern in früheren Jahrhunderten. Auf den
Spaß von Märchen wird allerdings verzichtet. Es handelt
sich um folgende Prinzipien:
"Aufforderung
zur Unterwerfung"
"Verwöhnen
& verzärteln: bedenklich!"
"Der
Schmerz als natürliche Erziehung"
"Selbstverleugnung"
"Erklärung
des pädagogischen Totalitarismus"
Katastrophen-Training
Erziehung
als Triebabwehr
Rationalisierung
des Sadismus
Entsprechen
diese Prinzipien Ihrer Firmenkultur? Verfügen Ihre Mitarbeiter
über eine ordentliche Portion Masochismus? Dann geben Ihnen
bestimmte Anbieter von Persönlichkeitsseminaren zumindest einige
dieser Leckerchen, also großen Nutzen.
Welche
Risiken bestehen für Ihr Unternehmen?
Verlangt
Ihre Unternehmenskultur etwas anderes? Beisst sich die angestrebte
Führungsqualität in Ihrem Haus mit dem Management durch
Angst und Schrecken? Dann bergen bestimmte Persönlichkeitsseminare
das Risiko, dass Sie ohne Nutzen investieren, dass die Seminare Ihre
Belegschaft polarisieren statt zusammenschweißen oder sogar,
dass Mitarbeiter und Führungskräfte psychisch
zusammenbrechen.
Woran
erkennen Sie Risiken und Nebenwirkungen?
Wenn
Sie solche Gefahren vermeiden wollen, wäre es ein hoher Einsatz,
einzelne Führungskräfte als Versuchskaninchen
hinzuschicken. Unzureichend ist auch die Distanzierungserklärung
des Anbieters zur Hubbard-Technologie, wenn Sie Qualität
verbessern wollen. Die gefährliche Scientology-Organisation hat
eben kein Monopol auf Quälerei. Auch helfen Ihnen die
mundgerechten Prospekttexte kaum weiter: dort erfahren Sie viel zu
den edlen INHALTEN und Themen, aber wenig zu den tatsächlichen
METHODEN. Und die entscheiden über Freud und Leid, über
Nutzen und möglichen Schaden!
Schließlich
enttäusche ich ihren möglichen geheimen Wunsch nach einer
Namensliste: Nur Sie können entscheiden, welcher Anbieter zu
Ihrer Firmenkultur paßt und bei wem Sie Ihrer Fürsorgepflicht
gegenüber Ihren Mitarbeitern nachkommen.
Woran
erkennen Sie Schwarze Pädagogen?
Immerhin
biete ich Ihnen einige Prüfpunkte an, die Ihnen die Entscheidung
erleichtern können. Dabei beschränke ich die Auswahl auf
Informationen, die Sie einholen können – ohne teilzunehmen:
Das spart Ihnen Zeit, Geld und Tränen:
Sie
erleben ein anmaßendes Auftreten bei der Akquisition
Sie
schildern Konflikte und erhalten destruktive Lösungsvorschläge
Sie
entdecken in den Anmeldeblättern auch Fragen nach der
psychischen Stabilität von Teilnehmern und/oder einen
Haftungsausschluß für psychische Schäden,
Sie
erkundigen sich vergeblich nach Informationen über Methoden;
frühere Teilnehmer unterliegen einem Schweigegebot
Sie
vermissen eine anerkannte Qualifikation der Trainer für
persönlichkeitsverändernde, also therapeutische Eingriffe
Sie
erkennen an den Regeln bzw. Befehlen für das Seminar, daß
sich die Teilnehmer den Trainern vollständig unterworfen müssen
Sie
erfahren, daß für die Teilnehmer ein Kommunikationsverbot
besteht: untereinander und zur Außenwelt
Sie
finden Hinweise für systematisches Auspowern: körperliche
Höchstleistungen, reduziertes Essen und Schlafmangel
Sie
bekommen 'völlig veränderte' Teilnehmer zurück, die
an einen 'Durchbruch' glauben, aber kein konkretes Beispiel dafür
benennen können: Inszenierte Euphorie am Ende des Trainings,
mit der sich Folgeaufträge angeln lassen
Sie
wundern sich über erniedrigende und entblößende
'Übungen'; die seelische Narben brutal aufreißen und
geöffnet liegen lassen; oder Sie hören statt dessen die
allseits geschätzte Formel:
"Das kann man nicht
erklären, das muß man erleben!"
Referenzen einzuholen kann in etlichen Fällen
Ihre Entscheidung erleichtern: Gibt es keine, ist der Fall klar.
Erhalten Sie Auskünfte, dann tun Sie sich einen Gefallen, wenn
Sie klar unterscheiden zwischen allgemeiner Begeisterung und ganz
konkreten Beispielen.
Um die zehn Punkte zu prüfen, brauchen Sie
eine Menge Zeit. Vielleicht tröstet es Sie, wenn Sie bedenken,
daß Einiges zur ganz normalen Qualitätssicherung gehört.
Und vielleicht freuen Sie sich schon auf das kommende Gesetz zum
Verbraucherschutz: Dann stehen die Risiken und Nebenwirkungen schon
in der Akquisitionsbroschüre. Und Sie brauchen keinen Arzt oder
Apotheker .....
Ende
veröffentlicht in: Das Parlament, Berlin, 14.
August 1998
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