Handelsblatt 97

Mancher Psycho-Kurs
wird zum Seelen-Striptease
Woran sich dubiose
Angebote erkennen lassen
Der Verstand bleibt
auf der Strecke
Von U. Caberta, S.
Goldner und H. Hemminger
Psychologische
Bildungsmaßnahmen stoßen bei Managern auf reges
Interesse. Besonders gefragt – und besonders umstritten – ist der
Bereich der Persönlichkeitsbildung, in dem es nicht nur um
Kommunikationsverhalten oder Führungsstil geht, sondern auch um
die Veränderung von Grundstrukturen des Fühlens, Handelns
und Denkens.
HANDELSBLATT,
Donnerstag, 20.3.97
Persönlichkeitsentwicklung
zu hohen Preisen wird von seriösen und fachlich ausgewiesenen
Anbietern offeriert, jedoch ebenso von Gruppen, deren Methoden aus
der ausufernden Psycho-Szene stammen – und sogar von Sekten, allen
voran Scientology. Was der einzelne Betrieb als problematisch oder
gar als gefährlich empfindet, hängt von der
Unternehmenskultur ab.
In
einem Betrieb mit einer "steilen Hierarchie" und mit einer
ausgeprägten Befehls-Gehorsam-Struktur fällt es
möglicherweise kaum auf oder ist sogar erwünscht, wenn in
einem Kurs vereinnahmende Methoden und hoher Anpassungsdruck
vorkommen. In einem Unternehmen hingegen, das auf Eigenständigkeit
der Führungskräfte, symmetrische Beziehungen und gute
Kommunikation nach innen und außen setzt – und das ist die
Mehrheit -, werden solche Methoden als Psycho-Terror empfunden.
Allerdings
darf man die Leistungs- und Leidensbereitschaft gerade jüngerer
Führungskräfte nicht unterschätzen. Wenn sie davon
überzeugt sind, dass das Befolgen restriktiver Kursregeln, das
Offenlegen persönlicher Gefühle in der Gruppe usw. zum
beruflichen Erfolg beiträgt sind viele (nicht alle) bereit, sich
einer solchen Prozedur für eine begrenzte Zeit zu unterwerfen.
Die Mühe, der Zwang zur Anpassung, das Ertragen der
Trainerautorität und das Aufgeben der Intimsphäre werden,
so heißt es, mit Erfolg belohnt.
Gelegentlich
geschieht es, dass Führungskräfte von Sekten vereinnahmt
werden. Dann kommt es zu Unterwanderungsversuchen der Sekte im
Betrieb, die Teilnehmer verändern ihr Alltagsverhalten, sie
verursachen interne Konflikte, sie schaden dem Firmenimage und
bewirken manchmal immense Kosten.
Weniger
kompliziert ist die Situation, wenn ein Kursanbieter selbst keine
Sektenstruktur hat, aber manipulative Psycho-Methoden in seinen
Kursen anwendet. Überraschende, nicht alltägliche
Erfahrungen, auch Grenzerfahrungen, stoßen bei einem Teil der
Betroffenen positive Veränderungen an. Bei anderen bewirken sie
nichts, und eine Minderheit von Teilnehmer läuft Gefahr,
seelisch geschädigt zu werden. Seriöse Angebote zeichnen
sich dadurch aus, dass sie gezielt und differenziert
Entwicklungsanstöße geben, aber auch dadurch, dass sie
Gefahren durch entsprechende Vorsicht vermeiden.
Die
Vertragsbedingungen und die Selbstdarstellung des Anbieters können
Hinweise geben. Vorsicht ist angebracht, wenn:
-
der Veranstalter sich von allen
rechtlichen Forderungen entbinden lässt und die psychische
Belastbarkeit der Teilnehmer im voraus bestätigt haben will;
-
es keine Informationen über den
Ablauf, die Rahmenbedingungen und die Methoden des Kurses gibt;
-
die psychologischen und/oder
pädagogischen Qualifikationen der Trainer fehlen oder unter den
fachlichen Standards liegen;
-
frühere Teilnehmer einer
Schweigepflicht unterworfen werden.
Weitere
Gefahrenzeichen liefern die Rahmenbedingungen des Kurses, die man
allerdings oft erst vor Ort erfährt. Problemtisch sind alle
entwürdigenden, die persönliche Freiheit einschränkende
und potentiell abhängig machenden Bedingungen – z.B. wenn:
-
persönliche Dinge (Ausweis,
Medikamente, Uhr) abgegeben werden müssen;
-
die Ernährung kärglich ist
und die Mahlzeiten streng reglementiert werden;
-
zu lange Arbeitsphasen und zu wenig
Schlaf und Ruhepausen vorgesehen sind und körperlich ermüdende
Übungen dazukommen;
-
rigide Pünktlichkeit gefordert
und Versäumnisse öffentlich bestraft werden. Verbote, den
Raum zu verlassen und die Reglementierung von Toilettengängen
sind inakzeptabel;
-
ein Kommunikationsverbot nach außen
erlassen wird (kein Telefon, keine Post);
-
zu Denunziation anderer Teilnehmer
wegen Regelverstößen ermuntert wird ("Wir sind alle
füreinander verantwortlich...");
-
sich die Trainer gegen Kritik
immunisieren und berechtigte Einwände immer als Problem des
Kritikers dargestellt werden:
-
es verboten wird, sich Notizen zu
machen oder sich mit anderen Teilnehmern über die Erfahrungen
auszutauschen;
-
die Gruppen viel zu groß sind.
Auch
die Trainingsmethoden an sich können Gefahren mit sich bringen.
Allerdings ist es für Laien schwer zu beurteilen, ob eine
bestimmte Technik überhaupt zu verantworten ist, ob sie unter
den gegebenen Umständen zu verantworten ist und wofür sie
nützlich oder schädlich sein könnte. Daher seien nur
einige Beispiele genannt. Gefahr ist im Verzug, wenn:
-
hypnotische Übungen, Trance- und
Meditationsübungen ohne umfangreiche Absicherungen benutzt
werden;
-
intimste Dinge aus der Biographie
ausgegraben werden, die in einem Kurs von wenigen Tagen auf keinen
Fall bearbeitet werden können und eher in ein
Vier-Augen-Gespräch gehören;
-
Angstübungen durchgeführt
werden, z.B. das Vorstellen der eigenen Beerdigung, das
Visualisieren des "Schlimmsten, was mir passieren kann",
usw.
Die
Notwendigkeit, den harten Psycho-Markt gesetzlich zu regeln, wird
immer deutlicher. Es ist zu hoffen, dass ein in Hamburg erarbeitetes
Gesetz zur Regelung der gewerblichen Lebenshilfe in nächster
Zeit über den Bundesrat den Gesetzgeber erreichen wird und dazu
beiträgt, die Probleme zu verringern. Der Hamburger Entwurf
versteht unter Lebenshilfe"... die zeitlich begrenzte und
unbegrenzte Interaktion zwischen Helfer bzw. einer Helferin oder
einer Helfergruppe und einer hilfesuchenden Person mit dem Ziel der
Verbesserung der seelischen Befindlichkeit oder der
geistig-seelischen Fähigkeiten, z.B. durch Gespräch,
Unterricht, mentales und/oder körperliches Training in
sogenannten Selbsterfahrungsgruppen, Kursen, Workshops oder im
Selbststudium und Selbsttraining unter Verwendung schriftlicher
und/oder audiovisueller Unterrichtsmittel und/oder interaktiver
Maschinen".
Der
Geltungsbereich des Gesetzes soll nach zwei Seiten eingegrenzt
werden: Zum einen muss der medizinische Handlungsbereich außerhalb
dieser Regelungen bleiben, das heißt, Ärzte und Ärztinnen,
Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker sowie deren Dienste werden nicht
erfasst. Zum anderen soll die Hilfe zur Lebensbewältigung, die
im Rahmen religiöser Angebote gemacht wird, z.B. die
seelsorgerliche Tätigkeit von Kirchen, nicht geregelt werden.
Allerdings
ist es falsch, sämtliche Organisationen, die sich Kirche nennen
oder sich als religiös verstehen, z.B. Scientology, prinzipiell
vom Anwendungsbereich des Gesetzes auszunehmen. Die Abgrenzung lässt
sich über die Merkmale der Gewerblichkeit und der
Entgeltlichkeit der Hilfe erreichen: Die Kirchen und andere religiöse
Gemeinschaften werden die als Teil ihres seelsorglichen Auftrags
verstandene Lebenshilfe in der Regel unentgeltlich und praktisch nie
gewerblich erbringen.
Entscheidend für
den Schutz der Kunden oder Klienten ist auch die Gestaltung des
Vertrags, der mit dem Kursanbieter geschlossen wird. Wesentliche
Bestandteile sind das Ziel der Vertragsdurchführung. Angaben
über die angewandten Methoden und deren theoretische Grundlagen,
die Qualifikation der Ausübenden, Angaben über Art, Zahl
und Dauer der Veranstaltungen und insbesondere Angaben über den
Gesamt- bzw. den Einzelpreis pro Veranstaltung sowie in der
Ersturkunde des Vertrags die Preise von Folgeangeboten. Die
Dachverbände der Wirtschaft sind gefragt, ihren Mitgliedern
hierzu nützliche Antworten zu geben.
Ursula
Caberta ist Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology bei der Behörde
für Inneres in Hamburg und Mitglied der Enquete-Kommission
"Sogenannte Sekten und Psycho-Gruppen" im Deutschen
Bundestag. Dr. Steven Goldner ist Geschäftsführer der asq!
GmbH für Personalentwicklung und Unternehmensberatung und
Mitglied bei Sinus e.V. (Sekteninformation und Selbsthilfe in
Hessen). Dr. Hansjörg Hemminger ist Weltanschauungsbeauftragter
der evangelischen Landeskirche in Württemberg und Mitglied in
der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psycho-Gruppen im
Deutschen Bundestag.
Veröffentlicht
vom: Handelsblatt am 21./22.03.1997
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