Handelsjournal 96

Angelika
Christ & Steven Goldner
Scientology
im Handel:
teuer,
gefährlich & besiegbar
Die
Medien überschütten Sie seit zwei Jahren mit Schlagzeilen
über den Psycho-Konzern 'Scientology', der als Religion
auftritt. Höchstinstanzliche Urteile kommen zum Ergebnis, dass
es sich um ein kommerzielles Unternehmen handelt. Ehemalige
Mitglieder stehen finanziell und seelisch vor einem Scherbenhaufen.
Betroffene Unternehmen berichten von herben Image-Schäden und
Konkursen.
Ist
der Handel überhaupt gefährdet?
Psycho-Firmen
versprechen schnelles Glück und vor allem Erfolg. Und jede
solche Gruppe will da mit 'gutem Beispiel' vorangehen. Gefragt ist
also die schnelle Mark. Können Sie da die Branche ausklammern,
der ein ständig beschleunigter Warenumschlag die Existenz
sichert? Gibt es eine Branche, die gieriger die neuesten
Erfolgsgesetze aufsaugt als der Handel? Kennen Sie einen anderen
Bereich der Wirtschaft, in dem Personal-Karusell schneller gedreht
wird als im Handel? Da soll sich keiner einschleichen können,
der etwas ganz anderes will als Sie? Es gibt keine verlässlichen
Zahlen über die 'Unterwanderung' der Wirtschaft. Aber: wenn Ihr
Unternehmen betroffen wäre, dann kann es Ihnen egal sein, ob es
100 oder 1000 Firmen ähnlich geht ....
Was
ist Scientology?
Das
Unternehmen wurde nach unseren Erkenntnissen Anfang der 50er Jahre in
den USA gegründet, um viel Geld zu verdienen. Der
Religions-Status wurde offenbar gewählt, um Steuern zu sparen
und um attraktiver auftreten zu können. Der Erfinder heisst L.
Ron Hubbard, schrieb vorher Science-Fiction-Romane und starb vor
einigen Jahren.
Was
will Scientology?
Als
wesentliche Unternehmensziele von Scientology gelten Macht und Geld.
Die langfristigen Machtziele sehen wir in der herausfordernden Idee
der Weltherrschaft: Dann haben die Menschen zwar keine gleichen
Rechte mehr, dafür aber Scientology das Sagen. In bezug auf den
individuellen Umsatz bei akquirierten Kunden kommt diese Firma auf
geradezu beneidenswerte Zahlen: Als Privatmensch können Sie
innerhalb von zwei Jahren locker 250.000 DM bezahlen und sich in
lebenslange Schulden stürzen. Als Unternehmen erwarten Sie
saftige Seminar-Honorare, vielfältige Spenden-Anlässe und
'Lizenz-Gebühren' von 6-12% des Umsatzes. Haben Sie soviel übrig
von Ihrem Rohertrag?
Was
bekommen Sie für Ihr Geld?
Für
die Gebühren erhalten Sie als Unternehmen eine 'Technologie',
die im Stil der 50er Jahre funktioniert. Ihre Produktivität
nimmt vermutlich schnell ab. Dafür dient Ihr Unternehmen aber
einem guten Zweck.... Außerdem erhalten Sie jede Menge heilige
Schriften des Gurus. Schließlich genießen Sie in
Einzelverhören (= 'Auditing') und Seminaren eine ziemlich
professionelle Gehirnwäsche. Die Preise dafür steigen
schnell an. Damit subventionieren Sie die unprofitablen
Geschäftsbereiche von Scientology. Beispiele: Gigantische
Werbemaßnahmen mit großzügigem Streuverlust und
wertschöpfungsfreie interne Dienstleistungen, wie aufgeblasene
Bürokratie, Geheimdienst und eigene Justiz.
Verkleidung
ohne Karneval
Scientology
hat eine breite Diversifizierung hinter sich. Glücksbotschafter,
die es auf Sie oder Ihr Unternehmen abgesehen haben, tauchen in
folgender 'Verkleidung' bevorzugt auf: Headhunter, externe Berater,
Seminaranbieter, Spezialisten für Marketing, EDV und Immobilien.
Scientology glaubt, das weltweit beste Rezept für die Menschheit
und speziell für die Wirtschaft zu besitzen. Allerdings hat die
'verblendete' Mehrheit der Menschen das noch nicht kapiert und lehnt
den Quatsch ab. Deshalb trauen sich die Scientologen nur selten, als
solche aufzutreten. Im Klartext: Sie werden es in der Regel mit
Tarnfirmen zu tun haben.
Worin
besteht die Gefahr?
Wenn
Sie externen Partnern oder Mitarbeitern begegnen, die Opfer der
scientologischen Persönlichkeits-Entwicklung sind, purzeln
gewagte Veränderungsideen auf Sie nieder. Sie müssen davon
ausgehen, dass ein Scientologe dem Auftrag folgt, seiner Organisation
zu nützen. Im Zweifelsfall kann das für ihn bedeuten, sich
bei einer Entscheidung gegen die Interessen Ihres Unternehmens zu
stellen. Er wird deshalb auch versuchen, seinen eigenen
Einflussbereich zu erweitern und zusätzliche Gefolgsleute für
Scientology zu werben.
Keiner
ist immun - nur Sie?
Wir
behaupten: Jeder kann in eine totalitäre Gruppe hineingeraten!
Das ist jedenfalls keine Frage der Intelligenz. Die Voraussetzungen
bestehen aus einer aktuellen Krisensituation (z.B. private Probleme)
und ein paar wunden Punkten. Wer hat keinen wunden Punkt in seiner
Persönlichkeit? Und wer bleibt auf ewig von einer Krise
verschont, die starke Gefühle hervorbringt? Es ist ja auch ein
Unterschied, ob Sie einen Betrunkenen sehen und belächeln oder
ob man Sie mit unbekannten Tricks dazu bringt, eine Flasche Schnaps
zu trinken.
Wer
sind die 'Mitbewerber'?
Auf
dem Psychomarkt hat Scientology kein Monopol. Und diese totalitäre
Gruppe stößt inzwischen auf Konkurrenten, die ohne
Ideologie oder Guru auftreten und außerdem ausgefeiltere
Methoden der Gehirnwäsche anwenden. In den USA kommt es bereits
vor, dass führende Konzerne und Regierungsstellen von
Gehirnwäschern geschädigt werden. In diesem Sinne für
gefährlich halten wir z.B. den deutschen Ableger von 'Landmark'.
Wie
können Sie sich wehren?
Eventuell
hoffen Sie auf eine 'Schwarze Liste'. Sie würde Ihnen keine
Hilfe sein: zu schnell wechseln die Namen und zu groß ist der
Graubereich.
Deshalb
haben wir einen anderen Weg eingeschlagen: Aus den Erfahrungen im
Handel und im Dienstleistungssektor haben wir Prüfpunkte
entwickelt. Damit können Sie in einer verdächtigen
Situation feststellen, ob Sie eine Zusammenarbeit weiterführen
oder beenden sollten. Diese Prüfpunkte setzen kein
Expertenwissen voraus. Stattdessen handelt es sich um eine Auswahl
von Qualitätskriterien, die Sie in anderen Situationen
vermutlich schon beachten.
Um
Zweifelsfälle in bezug auf Scientology noch sicherer
auszuschließen, gibt es zusätzlich eine schriftliche
Distanzierung. Diese wirkt wie ein Lackmus-Test: Kein Scientologe
unterschreibt sie!
Außerdem
gibt es eine wachsende Zahl von Beratungsstellen, die Ihnen für
weitergehende Fragen zur Verfügung stehen.
Es
kann sein, dass ein Mitarbeiter von Scientology eingefangen wurde.
Vermutlich wirkt er dann euphorisch, versucht zu missionieren und es
kann sein, dass er Ihre Firma schädigt. Ihre
Handlungsmöglichkeit bezieht sich dann - ähnlich wie beim
Thema 'Alkohol' - nur auf den Bereich des Arbeitsrechts. Sollte der
Mitarbeiter sich aber als Opfer erkannt haben und aussteigen wollen,
dann spricht alles dafür, dass Sie im Rahmen der Fürsorgepflicht
den Ausstieg unterstützen - mit ernsthaften Hilfsangeboten und
klaren Bedingungen.
Keine
Panik!
Sie
sehen: der tatsächlichen Gefahr von Scientology muss man zwar
aufmerksam begegnen; sie lässt sich aber abwehren. Leider gibt
es auch übertriebene Berichte. Dadurch entsteht in Deutschland
bei vielen Menschen eine fast hysterische Angst. Diese Angst kann
lähmen und auch zu vorschnellen und deshalb oft falschen
Reaktionen führen. Unser Rat: bleiben Sie so gelassen, wie bei
anderen 'schlechten Nachrichten'. Handeln Sie diskret, durchdacht und
konsequent. Damit minimieren Sie den Schaden und können sich
weiterhin mit ganzer Kraft Ihrem Handelsgeschäft widmen!
veröffentlicht
in: Handelsjournal, 2 / 96
|