HelfRecht 96

Angelika
Christ & Steven Goldner
Scientology
in der Wirtschaft:
Welche
Gefahren gibt es? Wie schütze ich mich?
In der
Ausgabe I/96 dieser Zeitschrift fanden Sie eine Stellungnahme von
Manfred Helfrecht zur Frage nach der weltanschaulichen Position des
HelfRecht-Systems. Ausgelöst wurde der Artikel von Fragen der
Anwender des HelfRecht-Systems zur Abgrenzung von Scientology. Ein
halbes Jahr später bleibt das Thema ‘Sekten in der Wirtschaft’
in den Meiden weiterhin aktuell.
„Worin
liegt die Gefahr?“
Stellen Sie
sich einmal vor: Ihr Unternehmen wird von Scientology oder einem
anderen Psycho-Kult ‘unterwandert’. Es kann Ihnen zunächst
gleichgültig sein, wenn sich jemand in seinem Privatleben für
Briefmarken oder eine exotische Religion interessiert. Vermutlich
machen Sie bisher schon die Erfahrung, daß sich die Leistung
Ihrer Mitarbeiter kaum danach unterscheidet, welches Hobby oder
welchen Glauben jemand hat.
Für Ihr
Unternehmen kommt es darauf an, was der einzelne Mensch tut. Anders
ausgedrückt: Der ‘Glaube’ kann Ihnen egal sein; auf die
Ziele und Methoden kommt es an. Wenn Sie also interne oder externe
Mitarbeiter haben, deren Absichten den betrieblichen Zielen
widersprechen, dann besteht Gefahr. Und wenn jemand Methoden
einführt, die der Kultur Ihrer Firma entgegenstehen und die
Effizienz schmälern, dann besteht auch Gefahr.
Gefahren
durch Psycho-Kulte
Ein Beispiel:
Scientology abzulehnen, ist zwar generell üblich. Aber die
wenigsten Menschen können das genau begründen. Wir lehnen
die ZIELE von Scientology ab, weil diese ausdrücklich eine
Gesellschaft anstreben, in der lediglich „ehrliche Wesen Rechte
haben können“. Unsere Gesellschaft baut aber darauf auf, daß
alle Menschen gleiche Rechte haben. Etwas spöttisch ausgedrückt,
haben wir den Eindruck, daß das heimliche Motto von Scientology
lautet könnte: ‘Alle Menschen wurden mit gleichen Rechten
geboren - wir wollen das ändern!’
Vom Scientology-Erfinder (L. Ron Hubbard) stammt
eine sog. ’Technologie’ zum Führen eines Unternehmens. Diese
besteht unter anderen darin, ein rigides und bürokratisches
System in Gang zu setzen, das die Effizienz der Mitarbeiter drastisch
senken kann. Jeder Scientologe strebt an, diese Technologie dort
einzuführen, wo er arbeitet.
Teurer
‘Spaß’
Als Gegenleistung für die Technologie muß
der Betrieb dann eine Lizenzabgabe machen, die nach unseren
Erkenntnissen zwischen 6 und 16% des Umsatzes liegt. Wir kennen
wenige Betriebe in Deutschland, die auf eine solche Umsatz-Rendite
verzichten können. Die meisten Unternehmen dürften nach
zwei Jahren alleine daran ausbluten.
Hinzu kommen vermutlich weitere Nachteile für
Ihre Firma, wenn Scientology sie beglücken würde:
überteuerte
Beratungsleistungen
überteuerte
Seminare & Bücher
ein
autoritärer Führungsstil, der die Motivation und Leistung
Ihrer Mitarbeiter mindert
ein
harter Vertriebsstil, der zunächst den Umsatz anheizt, aber
langfristig die Kunden-Zufriedenheit abbaut
Vertraglicher
Schutz vor Scientology
Ein vielfach
benutztes und bewährtes Mittel ist die schriftliche
Distanzierung von diesem Psycho-Kult. Wie formuliert man das? Das
beste Muster stammt im Kern von Ursula Caberta. Sie leitet die
staatliche 'Arbeitsstelle Scientology' in Hamburg und gilt als
führende Expertin unter den seriösen Kritikern von
Scientology:
Abbildung:
Vertraglicher Schutz
"Ich erkläre
hiermit, daß
1.ich bzw. meine Firma nicht
nach der Technologie von L. Ron Hubbard arbeiten,
2. weder ich noch meine
Mitarbeiter auf meine Veranlassung nach der Technologie von L. Ron
Hubbard geschult werden bzw. keine Kurse und/oder Seminare nach der
Technologie von L. Ron Hubbard besuchen,
3. ich die Technologie von L.
Ron Hubbard zur Führung eines Unternehmens ablehne und
4. ich nicht Mitglied der IAS
= International Association of Scientologists bin."
5. Alle Aussagen gelten auch
für die Vergangenheit. Sollte sich eine Aussage als unwahr
herausstellen oder in Zukunft verletzt werden, stellt dies einen
wichtigen Grund zur fristlosen Kündigung dieses Vertrages dar.
Außerdem verpflichte ich mich für diesen Fall zur Zahlung
einer Vertragsstrafe in Höhe von DM ............
Die
Vertragsstrafe sollten Sie so hoch wie möglich ansetzen. Ein
Ansatzpunkt ergibt sich z.B. aus dem Auftragswert des letzten
Halbjahres, wenn es um einen Dienstleister geht. - Sofern es um die
Zusicherung einer einzelnen Person geht, z.B. Bewerber oder
Mitarbeiter des Unternehmens, können Sie die beiden ersten
Punkte entsprechend umformulieren und die Vertragsstrafe weglassen.
Worauf es
ankommt
In einer
solchen Absicherung ist das Stichwort 'Hubbard-Technologie'
wesentlich. Dieses kennzeichnet den Kern der scientologischen
'Erziehung'. Bisher wurde noch kein Fall bekannt, in dem ein
Scientologe das Bekenntnis zu dieser Technologie verleugnet.
Mit
folgender Versicherung würden Sie sich allerdings selbst
hereinlegen: "Ich bin nicht Mitglied von Scientology"
oder "Ich bin kein Scientologe". Viele
scientologisch geschulte Menschen können diese Versicherung
locker abgeben: Nach unserem Wissen stehen nur manche Scientologen im
formalen Status einer Mitgliedschaft bei 'Scientology'.
Abgrenzung
erfordert Konsequenz
Den
Vertragstext zu kennen und ihn auch systematisch einzusetzen, sind
zwei Dinge. Wir erleben, daß Unternehmen unverbindlich damit
umgehen. Die Firmenspitze muß dafür sorgen, daß der
Vertragstext für alle ‘sensiblen’ Aufgabenbereiche
verbindlich eingesetzt wird. Je nach Situation betrifft dies die
Personalverwaltung, den Einkauf, den Vertrieb usw. Die vorherige
Aufklärung der Mitarbeiter und das sorgfältige Beantworten
ihrer Fragen ist dabei wichtig. Sonst kann der Eindruck einer
‘Gewissens-Schnüffelei’ entstehen.
Einschränkung
Allerdings
müssen wir auch einschränken: die Abgrenzung richtet sich
ausschließlich an die scientologische Variante der totalitären
Methoden von Psycho-Kulten. Immerhin kommt dieser Fall in der
Wirtschaft am häufigsten vor.
Nicht nur
Scientology
Gefahren
können auch von anderen Psycho-Kulten kommen: Wir registrieren
zunehmend Gruppen, die speziell auf die Wirtschaft zugeschnitten
sind. Deren Auftritt enthält keinerlei Religion und sie
akquirieren mit ansprechenden Begriffen wie ‘Erfolg’ oder
‘Persönlichkeitsentwicklung’.
Helfen
‘Schwarze Listen’?
Oft werden
wir nach einer Liste gefragt, mit der man Psycho-Kulte und deren
Anhänger identifizieren kann. Wir lehnen solche Listen
grundsätzlich ab, weil
ständig
neue Namen hinzukommen,
laufend
Firmennamen geändert werden,
ein
unberechtigter Verdacht zum Rufmord und zur Existenzvernichtung von
Menschen führen kann.
Qualität
prüfen statt Mitgliedschaft:
Qualität ist das beste
Rezept!
Das kritische Beobachten greift
bei Psycho-Kulten besser als juristische Formeln und Schwarze Listen.
Der Schutz für Ihre Firma liegt in klaren Anforderungen an die
Qualität von Leistungen. Diese könnnen Sie in den
Unternehmensgrundsätzen, in den Qualitätshandbüchern
und in den Stellenbeschreibungen verankern. Und wieder gilt:
Ideologie, Philosophie und Weltanschauung können Sie getrost
ignorieren!
„Woran
erkenne ich ....?“
Wir gehen von
solchen Qualitäts-Kriterien aus. Und diese machen es
überflüssig, daß Sie erst ein Experte werden müssen,
um zu prüfen, ob jemand zu Ihrer Firma paßt.
Nehmen wir
z.B. einen Trainer, dessen Seminare für Ihre Mitarbeiter
interessant sein könnten. Hierfür haben wir eine Reihe von
Prüffragen formuliert, deren Antworten Ihnen in den meisten
Fällen helfen können, über eine mögliche
Zusammenarbeit zu entscheiden:
NEUN PRÜF-FRAGEN
Werdegang:
Ausbildung? Mindestens dreijährige Erfahrung?
Referenzen:
Liegen nachprüfbare und seriöse Referenzen vor?
Scientology-Begriffe:
Wird benutzt: Dianetics? L. Ron Hubbard?
OCA-Test?
Aufdringlichkeit:
Ist die Akquisition anmaßend und vorwurfsvoll?
Vorbilder:
Welche Personen, Theorien und Konzepte werden als Orientierung
angegeben?
Euphorische
Empfehlung: Erhielten Sie von einer vertrauenswürdigen
Person eine überschwengliche Empfehlung?
Versprechungen:
Geht es um grundlegende Veränderungen in der Firma? Wird in
Aussicht gestellt, daß Ihre Mitarbeiter schlagartig anders
werden?
Menschenbild:
Klingt alles nach ‘gut’ und ‘böse’? Wird für
eine harte Gangart und für Drill geworben?
Verweigerter
Einblick: Werden Abläufe und Methoden erläutert? Wird
Ihnen der Besuch eines Seminartages gestattet?
Wie
arbeiten Sie mit Prüf-Fragen?
Isoliert
betrachtet, wirkt manche Frage vielleicht befremdlich. In der
Kombination erhalten die Punkte erst ihren Sinn! Je nachdem, wie
viele negative Antworten Sie erhalten, wird ein Verdacht erhärtet
oder entkräftet. Vertrauen Sie einfach Ihrem Gesamteindruck!
Welche
Konsequenzen ziehen Sie?
1.
Bestätigter Verdacht
Eindeutige
Antworten in Richtung: "Arbeitet ganz offensichtlich mit
Methoden, die wir ablehnen." In diesem Fall gehen Sie keine
Geschäftsbeziehung ein, bzw. lösen eine bestehende auf.
2. Unklare
Anworten
Trotz vieler
Fragen und Erkundigungen kommen Sie zu keinem klaren Ergebnis: Um in
einer unklaren Situation einen Verdacht zu entscheiden, sollten Sie
Fachleute ansprechen.
3. Kein
Verdacht
Sie finden
nur minimale oder keine Verdachtsignale: In diesem Fall werden Sie
erstmal das distanzierte Gefühl gegenüber der geprüften
Person überwinden müssen. Es wäre eine fatale
Konsequenz, wenn Menschen wie Täter behandelt werden, nur weil
sie 'überprüft' wurden!
Wie gehen Sie vor und wer
hilft Ihnen?
Zuerst geht
es darum, Informationen zu sammeln über die betroffenen Personen
und über deren Methoden. Wenn offene Fragen bleiben: An wen
können Sie sich wenden?
Beratungsstellen
& Literatur
Es gibt
mittlerweile eine Vielzahl von Anti-Sekten-Beratern: am stärksten
verbreitet und am meisten erfahren sind die kirchlichen Berater.
Sollte Ihr Problem nicht ausreichend ernst genommen werden, versuchen
Sie es in einer anderen Stadt - fragen Sie sich durch. Daneben gibt
es staatliche Stellen. Nutzen Sie auch diese Möglichkeit. Fragen
Sie evtl. auch Selbsthilfegruppen. Und: Lesen Sie Informationen, die
auf dem Buchmarkt erhältlich sind.
Verbände
und andere Firmen
Arbeitgeberverbände,
andere Firmen sowie Industrie- und Handelskammern können oft
nützlich sein. Zumindest besteht die Chance, daß Sie auf
jemanden stoßen, der jemanden kennt, der jemanden kennt.....
'Schlachtplan'
entwickeln
Und wenn Sie
jetzt feststellen, daß es sich wirklich um gefährliche
Methoden handelt? Entwickeln Sie eine Strategie! Suchen Sie
vorsichtig Verbündete im engsten Kreis.
Manchmal
läßt sich ein internes Problem relativ einfach
arbeitsrechtich lösen: Nach der Gehirnwäsche in einem
Psycho-Kult lassen sich Mitarbeiter oft auf Dinge ein, die außerhalb
der Legalität liegen und z.B. den Betriebsfrieden stören.
Bei Externen kann es sein, daß diese Aktivitäten
entwickeln, die mit der vereinbarten Dienstleistung unvereinbar sind.
- Wichtig: Ihre Lösung muß sich einen Verstoß gegen
geltendes Recht beziehen. Der ‘Glaube’ an einen nicht-verbotenen
Psycho-Kult ist keine ausreichende Begründung, um eine
Zusammenarbeit zu beenden.
Ihre
eigene Situation
Freuen Sie
sich, wenn Ihnen das Thema ‘Sekten und Psycho-Kulte’ bisher
erspart blieb. Damit es so bleibt, kann es sinnvoll das Thema im
Betrieb vorbeugend anzugehen. Das ist spannend und ohne
Konfliktstoff, so lange kein ‘Fall’ aufgetreten ist. Was halten
Sie von der Idee?
Literatur:
Angelika
Christ & Steven Goldner
"Scientology
im Management“,
Econ-Verlag, Düsseldorf, 1996.
veröffentlicht in: Helfrecht Methodik, III /
96
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